07.08.15

10 schlimme Fehler beim Fotografieren – und wie Sie sie vermeiden

Auf diesem Foto ist der Horizont schief: Das Meer läuft aus. Das können Sie besser!

10 schlimme Fehler beim Fotografieren –
und wie Sie sie vermeiden

Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest.

Mit diesem Werbeslogan für seine Rollfilm-Kamera „Brownie“ erschloss sich Kodak einst den Massenmarkt.

Auch heute wollen uns einige Kamerahersteller weismachen, dass man einfach nur aufs Knöpfchen drücken muss, um perfekte Bilder zu erhalten.

Unlängst erzähle mir ein „Fachverkäufer“ in einem Fotogeschäft, dass man doch nur 100x dasselbe Motiv fotografieren müsse, damit eines davon scharf und gelungen sei. Er meinte es ernst. Ich war fassungslos.

Ich halte es da lieber mit der deutsch-französischen Fotografin Gisèle Freund (1908-2000), die sagte:

Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera. 

Einfach nur drauf zu drücken, ist also keine Lösung. Außerdem macht Fotografie als Hobby doch erst dann richtig Spaß, wenn sie der kreativen Entfaltung dient. Finden Sie nicht?

Gerade für Anfänger ist es aber oft schwer, den Absprung vom Automatik-Modus zu schaffen. Denn es kann schon sein, dass die Ergebnisse erst einmal schlechter werden, wenn man sich selbst um die Kameraeinstellungen kümmert.

Aber lassen Sie sich nicht entmutigen!

Die Einstellungen der Kamera kann man lernen (z. B. In einem Grundlagenkurs). Beherrscht man die Basis, geht der Spaß doch erst richtig los! Denn zum Fotografieren gehört weit mehr, als „nur“ die Technik.

Damit Sie die erste Hürde etwas schneller überwinden, hier 10 Anfängerfehler – und wie Sie vermieden werden.

1. Erst Hirn – dann Kamera einschalten

Die Teilnehmer meiner Fotokurse kennen diesen – zugegeben wenig charmanten – Spruch von mir.

Aber immer wieder beobachte ich Hobbyfotografen, die einfach nur drauf los knipsen. Kamera aus den Rucksack, mit ausgestrecktem Arm ein kurzer Blick ins Display – und klick. Das nächste Bild. Klick.

Wen wundert’s, dass so nur Zufallstreffer gelandet werden können?

Nehmen Sie sich Zeit. Schauen Sie sich Ihr Motiv genau an und stellen Sie sich u. a. folgende Fragen:

  • Warum will ich dieses Motiv überhaupt fotografieren?
  • Was will ich mit dem Foto ausdrücken?
  • Was genau fasziniert mich daran? Sind es die Muster, die Farben? Ist es die Atmosphäre? Der Gesamteindruck?
  • Wie kann ich das Motiv so ins Bild setzen, dass genau das zur Geltung kommt, was mich fasziniert?
  • Soll alles scharf sein?
  • Ist das Motiv fotogen? Nicht jedes schöne Motiv führt zwangsläufig zu schönen Fotos. Manchmal ergeben auch völlig unspektakuläre Motive ganz tolle Fotos.

Noch einmal: Nehmen Sie sich Zeit! Fotografie hat etwas Meditatives an sich. Sie müssen doch nicht zum nächsten Zug beim Fotografieren, oder?

2. Weniger ist mehr

Alles soll aufs Foto: Tante Lisa, der Hund, der Eiffelturm in voller Größe und halb Paris im Hintergrund.

Entscheiden Sie sich und machen Sie lieber mehrere Fotos: Eines vom Eiffelturm, eines von Tante Lisa mit dem Hund und eines von der Skyline von Paris.

Wenn Sie zu viel aufs Foto packen, ist der Betrachter nur verwirrt und weiß nicht, worauf es sich jetzt konzentrieren soll. Nehmen Sie ihm die Entscheidung ab und konzentrieren Sie sich auf ein Hauptmotiv.

 

3. Bewegen Sie sich

Gut, Sie haben sich für teures Geld ein klasse Zoom-Objektiv gekauft. Aber heißt das, dass Sie Ihre Beine nicht mehr benutzen sollen?

Kleben Sie nicht am Boden und zoomen Sie wie ein Weltmeister. Gehen Sie hin zum Motiv oder auch weiter weg.

Meine Schulungsteilnehmer bekommen oft die folgende Hausaufgabe:

„Fotografieren Sie ein und dasselbe Motiv mehrfach:

  • Mit drei verschiedenen Brennweiten, indem Sie zoomen.
  • Aus drei verschiedenen Positionen, indem Sie auf das Motiv zugehen.

Und dann vergleichen Sie die Bilder.“

Machen Sie diese kleine Übung. Sie werden sehen, es ist nicht dasselbe, ob Sie zoomen oder an das Motiv ran gehen. Am besten funktioniert diese Aufgabe, wenn Sie sich ein Motiv suchen, das aus Vordergrund, Mittelteil und Hintergrund besteht.

4. Ran ans Motiv

Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran, …

… Das wusste schon Robert Capa (1913-1954), der ungarisch-amerikanische Fotograf, der als Kriegsfotograf in die Fotogeschichte einging.

Wie recht er hatte! Gehen Sie ran an Ihr Motiv. Noch näher! Man sollte schon auf dem ersten Blick erkennen, was das Hauptmotiv Ihres Fotos ist.

Fotografieren Sie auch Details. Der Eiffelturm wurde millionenfach in voller Größe abgelichtet. Versuchen Sie doch mal Detailfotos vom Eisenfachwerk. Oder gehen Sie ganz nah ran und fotografieren Sie den Turm aus der Froschperspektive. Wobei wir bei Punkt 4 wären:

5. Perspektivenwechsel

Gehen Sie in die Knie, steigen Sie auf eine Bank, schmeißen Sie sich auf den Boden. Wer fotografiert, braucht kein Fitness-Studio.

Beobachten Sie mal die Schar von Hobbyfotografen vor einer Sehenswürdigkeit. Die meisten stehen aufrecht und halten die Kamera in die Luft – so weit der Arm reicht. Die immer gleiche Perspektive führt zu immer gleichen Fotos. Wie langweilig.

Überlegen Sie sich auch, was der Kamerastandort mit dem Motiv macht. Ein Porträt von oben herab fotografiert, macht den Fotografen zum Überlegenen. Von unten nach oben gibt es der fotografierten Person Macht, den sie schaut nun von oben herab auf den Betrachter. Vor allem bei Bewerbungsfotos sollte man sich dieser Tatsache bewusst sein.

6. Hilfe! Das Meer läuft aus

Das Haus kippt um, das Meer läuft aus. Damit Gebäude nicht kippen, und der Horizont nicht schief verläuft, muss die Kamera absolut gerade gehalten werden.

Wenn Gebäude kippen, spricht man von „stürzenden Linien“. Sie entstehen immer dann, wenn die Kamera beim Fotografieren nicht völlig gerade ausgerichtet war.

Ein bisserl stürzend ist einfach unschön Also gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Sie vermeiden stürzende Linien oder
  • Sie verwenden sie kreativ.

Das Meer oder ein See sollten niemals auslaufen. Obwohl … Sicher gibt es auch dafür einen guten Grund.

Wenn Sie ein Gebäude nicht ganz gerade aufs Bild bringen, nutzen Sie die stürzenden Linien kreativ.

7. Raus aus der Mitte

Positionieren Sie das Hauptmotiv nicht in der Bildmitte, sondern im Goldenen Schnitt (in etwa die Drittel-Regel). Das ist spannender.

Drittel-Regel:

Teilen Sie das Sucher-/Display-Bild horizontal und vertikal durch je zwei Linien in drei gleiche große Teile. Wenn Sie Ihr Hauptmotiv auf eine der Linien oder auf einen Schnittpunkt legen, liegt es in etwa im Goldenen Schnitt.

Bei vielen Kameras lassen sich Gitternetzlinien im Sucher einblenden. Sie helfen beim Ausrichten des Motivs.

Aber Achtung: Nicht alle Fotos profitieren vom Goldenen Schnitt. Wenn z. B. Symmetrie Ihr Thema ist, kann die Mitte die richtige Wahl sein.

Es sollte auf jeden Fall einen Grund haben, wenn das Hauptmotiv in die Mitte platziert ist. Also sehen Sie sich Ihr Motiv genau an und dann … (Sie wissen schon: Erst Hirn, dann …)

8. Vergessen Sie Effekte

Moderne Kameras bieten unzählige Effekte an, ein Foto zu manipulieren. Vom einfachen Schwarz-Weiß bis hin zu Farbeffekten und Unschärfen. Das sind nette Spielereien, und es macht sicher Spaß, alle Effekte einmal auszuprobieren.

Wenn Sie aber wirklich gute Fotos machen wollen (Sie, nicht die Kamera), vergessen Sie die Effekte. Fotografieren Sie im RAW-Format und bearbeiten Sie die Fotos anschließen auf dem PC.

Und weil wir schon bei den Kameraeinstellungen sind, zum Schluss noch zwei technische Fehler:

9. Belichtungsfehler

Wir Digitalfotografen haben es gut: Das Histogramm gibt uns Auskunft, ob ein Foto richtig belichtet ist. Davon können Analogfotografen nur träumen. Nutzen Sie dieses Potential!

Wenn Sie gute Fotos machen wollen, müssen Sie Ihr Handwerkszeug beherrschen: Ihre Kamera. Die meisten Fehler passieren bei der Belichtung. In meinem Beitrag „So belichten Sie Ihre Fotos richtig“ erhalten Sie dazu einige Tipps.

Achten Sie darauf, dass Ihr Bild Kontraste aufweist. Ein flaues Bild ist i. d. R. langweilig. Schauen Sie sich mal die Fotos von Ansel Adams (1902-1984) an, dem König der Landschaftsfotografie. Seine Bilder leben vom Kontrast. In ihnen finden sich alle Tonwerte – vom reinsten Weiß bis hin zum tiefsten Schwarz.

10. ISO-Automatik

Die ISO-Einstellung regelt die Empfindlichkeit des Sensors. Analogfotografen müssen den Film wechseln oder eine Zweitkamera mitschleppen, wenn sie mit unterschiedlichen Empfindlichkeiten fotografieren wollen. Was haben wir es gut!

Wenn Sie auch bei ungünstigen Lichtverhältnissen ohne künstliche Lichtquelle Fotos machen wollen, können Sie eine höhere ISO-Einstellung verwenden. Aber: Mit hohen ISO-Werten steigt die Gefahr von Bildrauschen.

Die ISO-Automatik ist da gnadenlos. Reicht das Licht nicht aus, wird hochgedreht. Am Display mögen die Ergebnisse noch ganz gut aussehen. Die erschütternde Wahrheit zeigt sich oft erst am PC.

Verzichten Sie daher lieber auf die ISO-Automatik und regeln Sie den ISO-Wert selbst. Als letzte Konsequenz, wenn Sie mit Blende und Verschlusszeit nicht weiter kommen.

Bei den meisten Kameras lässt sich die ISO-Automatik allerdings nur ausstellen, wenn Sie auf die Vollautomatik bei der Belichtung verzichten. Aber das sollten Sie ja sowieso.

Mit 3200 ISO rauscht dieses Foto ganz gewaltig.

 

Den wichtigsten Rat hätte ich fast vergessen:

11. Fotografieren Sie, fotografieren Sie, fotografieren Sie

Fotografieren ist – mittlerweile anerkannt – eine Kunst, aber eben doch immer noch ein Handwerk. Und ein solches erlernt man nur durchs Tun. Also fotografieren Sie, was das Zeug hält. Testen Sie Ihre Kamera, probieren Sie die Einstellungen aus. Fotografieren Sie in der Früh, zur Mittagszeit, während der Blauen Stunde und auch nachts. Ja, auch mittags kann man gute Fotos machen.

Fotografieren Sie und analysieren Sie hinterher die Fotos. Warum gefällt mir dieses Foto, aber jenes nicht? Was ist hier besser? Wo liegen Ihre persönlichen Stärken und Schwächen.

Gut ist es auch, sich Feedback von anderen zu holen. Am besten von Leuten, die etwas vom Fotografieren verstehen.

Haben ich Ihnen schon verraten, dass ich genau aus diesem Zweck eine monatliche Arbeitsgruppe betreibe?

 

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen. Und vergessen Sie bitte nicht, das Ergebnis in unsere Facebook-Gruppe zu posten. Hier geht es zur Facebook-Gruppe foto.kunst.kultur:

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helga partikel - 21.05.16 Reply

Danke! Aber was mache ich, wenn ich im nächsten Urlaub wieder hin fahren will. Dann ist kein Wasser mehr im Meer. 🙂

Sabine - 12.01.16 Reply

Na, da befinde ich mich ja in bester Gesellschaft: für auslaufendes Wasser bin ich ebenfalls bekannt 😉

Aber ich arbeite dran 🙂

LG
Sabine

Monika Thalhammer - 12.08.15 Reply

Liebe Frau Partikel,

ich musste herzlich lachen – genau für diese auslaufenden Ozeane und schiefen Horizonte bin ich berühmt-berüchtigt.
Beim Abdrücken bin ich immer der Ansicht, dass ich die Kamera komplett gerade halte, aber dann ist das Bild doch wieder schief.
Wahrscheinlich ist’s am einfachsten, wenn ich das zu meinem speziellen Markenzeichen erkläre ;o)

Viele Grüße!
Monika

    helga partikel - 13.08.15 Reply

    Nicht aufgeben, liebe Monika.
    Mir geht das genauso. Ich bin auch ein „Schieffotografierer“. Irgendwie habe ich da einen Knick in der Optik. Aber ich kenne einige Kollegen, denen das genauso geht. Irgendwie beruhigend, oder?
    Ich fotografiere daher Architektur nur mit Aufsteck-Wasserwaage.

    Wenn man alle Probleme so leicht lösen könnte wie dieses. 🙂
    Herzliche Grüße
    Helga

Gisela Gebhardt - 07.08.15 Reply

Ich finde die Idenn und Tipps immer toll, habe auch schon einige Fotowalks mitgemacht, selbstverständlich den Grundlagenkurs der Prager Fotoschule und einen Foto-Work-Shop in der Steiermark. Danach hatte ich zwar viereckige Augen vom vielen fotografieren, aber es hat sich gelohnt und es macht unheimlich Spaß die Anregungen auszuprobieren! Nur nicht verzagen auf dem Weg zum ambitionierten Hobbyfotografen, man lernt nie aus!

    helga partikel - 10.08.15 Reply

    Herzlichen Dank für das Feedback, Gisela.
    Wir hatten eine schöne gemeinsame Zeit in der Steiermark. Nun sind neue Reisen in der Planung und auch die Steiermark steht natürlich 2016 wieder auf dem Programm.
    Dir immer gutes Licht und ansprechende Motive!
    Viele Grüße
    Helga

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