Ausstellungstipp: Kirchen und Kinos in Südindien - foto.kunst.kultur.

Ausstellungstipp: Kirchen und Kinos in Südindien

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Haubitz+Zoche
Postkoloniale Erleuchtung
Kirchen und Kinos in Stüdindien

27.05.– 26.08.2018
Zephyr – Raum für Fotografie
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

 

Ich liebe Fotoprojekte. Jeder, der schon einmal einen Kurs bei mir besucht hat, weiß das. Und diejenigen, die bei einen Themenkurs dabei waren, haben selbst erfahren, wie schwer es ist, ein geeignetes Thema zu finden und umzusetzen.

Fasziniert bin ich von einem Fotoprojekt, dass zwei Fotografinnen realisert haben und das nun in der Ausstellung „Haubitz + Zoche, Postkoloniale Erleuchtung“ gezeigt wird. Die Ausstellung stellt „zwei Fotoserien von Kirchen und Kinos in Südindien gegeenüber, die zwischen 1950 und 1970 erbaut wurden und untersucht den Einfluss der Moderne in der südindischen Architektur.“

Die Fotografien stammen von Sabine Haubitz und Stefanie Zoche.Von 1998 bis 2014 haben die beiden Künstlerinnen zusammengearbeitet. Seit dem Tod von Sabine Haubitz im März 2014 führt Stefanie Zoche das gemeinsam begonnene Werk in eigenem Namen fort.

Über die Projekte zitiere ich am besten die Pressetexte des Museums:

Kinos in Südindien

„Das Kino und die Welt des Films sind nicht erst seit dem sog. Bollywood-Boom der letzten Jahre ein relevanter Faktor und ein gesellschaftlicher Indikator innerhalb der indischen Kultur. Dies zeigt sich auch in den zahlreichen, bereits in den 1950er bis 1970er Jahren erbauten Filmtheatern, deren Architektur auf einer ungewöhnlichen, irritierenden Mischung aus westlichen Einflüssen und lokalen Baustilen basiert….

Bei den indischen Kinogebäuden handelt es sich um eine Neuinterpretation des Baustils der Moderne. Viele Gebäude sind jedoch nicht nur von der beschriebenen Hybridität gekennzeichnet, sondern auch von ihrer stark kulissenhaften Wirkung. Fassaden können hier wie Attrappen erscheinen, die dem Baukörper vorgesetzt wurden. So wird die den Kinofilm bestimmende Funktion der Kulisse aufgegriffen und kommt bereits außerhalb des Kinosaals zum Tragen. Nach dieser vorbereitenden Illusion trifft man mancherorts im Inneren der Kinos auf extravagante, skulpturale Formen und Verzierungen. Diese wollen den Besucher in ein bühnengleiche Atmosphäre versetzen und ihn auf das bevorstehende Kinoerlebnis einstimmen.

In einem Land wie Indien, das 2017 mehr als 1.900 Filme in 24 Sprachen produzierte und die führende Nation der Filmindustrie ist, hinterlässt die Welt des Kinos überall ihre Spuren. Hochburgen wie Tamil Nadu oder die weltweit größte Kino-Produktionsstätte Ramoji Film City in Hyderabad haben massive wirtschaftliche Bedeutung.

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Saptagiri, Hyderabad (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

 

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New Theaters, Trivandrum (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

 

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Alankar, Mandurai (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

Kirchen in Südindien

„Auch die zweite Fotoserie in der Ausstellung zeigt mit den Kirchenbauten in Kerala eine Hybridisierung des Baustils.

In Indien sind die etwa 28 Millionen Christen die drittgrößte Glaubensgemeinschaft des Subkontinents. …
Die Kirchenbauten, die Sie auf der Bildern der Ausstellung finden, wurden nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 errichtet und verkörpern den Wunsch, sich vom Kolonialstil zu lösen, der damals in Kerala weit verbreitet war. Stilistisch lässt sich der Einfluss der Moderne erkennen; die intensive Farbigkeit und die Umsetzung christlicher Symbole in frei geformte monumentale Bauformen verleihen den Fassaden jedoch eine Verspieltheit, die sie von der Strenge klassisch moderner Fassaden klar abgrenzt.“

 

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St. Anthony´s Church, Peratta (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

 

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St. Joseph´s Chapel, Thuravoor (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

 

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Our Lady of Miracles, Thoppumpady in Cochin (2014)
© Stefanie Zoche / VG Bildkunst

 

Über die Ausstellung

„Zwischen beiden Serien lassen sich formale Ähnlichkeiten im Architekturstil entdecken, hinzu werden überraschende Parallelen zwischen Kultstätten und Kinos sichtbar. Beide Zweckbauten scheinen mit einer Form von sakraler Aura umgeben. Tatsächlich werden in der Filmkultur in Indien einige Filmstars wie lebende Götter angebetet, während manche der farbigen und mit Symbolen verzierten Fassaden der Kirchen einer Filmkulisse entsprungen sein könnten.

In ihrer Farbigkeit und dem irritierenden Spiel zwischen vertraut und fremd dominieren die Architekturen die Aufnahmen von Haubitz + Zoche. Die Strenge und Klarheit, mit der beide Künstlerinnen die Motive aufgenommen und nebeneinander gestellt haben, wurzelt in der deutschen Tradition der Architektur- und Sachfotografie und steht in größtmöglichen Kontrast zur überbordenden Vielfalt des Sujets.

Die meisten der Bilder sind frontal aufgenommen, manche jedoch in leichten Schrägansichten und beinahe immer sind die Objekte in die Stadtlandschaften eingebettet ohne jedoch viele Menschen zu zeigen. Doch haben die Künstlerinnen zu keinem Zeitpunkt die Objekte von Menschen freigestellt oder die Umgebung aktiv verändert.

Erst die Distanz, die durch die Strenge der Kompositionen erzeugt wird, lässt uns die Vielfalt und Andersartigkeit des Themas erkennen. Zugleich hilft die formale Schlichtheit auch tropenschwärmenden Exotismus zu vermeiden.“

 

Wie schade, dass die Ausstellung nicht in München oder in der näheren Umgebung ist. Mich faszinieren die Gebüude und die Bilder sehr. Wer im Raum Mannheim lebt, sollte die Ausstellungen auf keinen Fall versäumen.

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