Pichlschloss - ein Ort für neue Blicke
Eine Woche fotografieren, neue Ideen entwickeln, Bilder besprechen - und dabei an einem Ort sein, an dem man wunderbar zur Ruhe kommen kann.
Die Steiermark wird nicht ohne Grund das "Grüne Herz Österreichs" genannt. Sanfte Hügel, Wälder, Wiesen und kleine Orte prägen die Landschaft rund um Neumarkt. Es ist keine Landschaft der großen spektakulären Ausblicke, die einen auf den ersten Blick überwältigt. Vieles erschließt sich erst beim genaueren Hinsehen. Genau das macht die Gegend für mich zu einem wunderbaren Ort für eine kreative Fotowoche.
Seit 2014 fahre ich mit Fotografinnen und Fotografen ins Pichlschloss. Eine Woche lang gehört die Zeit ganz der Fotografie: fotografieren, ausprobieren, Bilder anschauen, Ideen entwickeln, gemeinsam essen, diskutieren und natürlich auch einfach die besondere Atmosphäre genießen. Nur ein einziges Mal musste unsere Tradition pausieren: Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ansonsten heißt es jedes Jahr aufs Neue:
Auf ins Pichlschloss!
Das Pichlschloss
Das Pichlschloss der Steiermark ist für mich weit mehr als unser Kursort. Das historische Haus liegt etwas oberhalb von Neumarkt (Kreis Murau) am Waldrand und ist von Wiesen, alten Bäumen und Natur umgeben. Schon bei der Anfahrt wird es ruhiger. Der Alltag bleibt zurück.
Das Haus hat Geschichte: Aus einem bereits im 14. Jahrhundert erwähnten Edelhof entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte der heutige Landsitz.
Heute wird das Pichlschloss von Katrin und Matthias Heindl mit viel Engagement und einer großen Verbundenheit zu diesem Ort geführt. Nachhaltigkeit ist hier keine aufgesetzte Urlaubsidee, sondern Teil des täglichen Lebens. Produkte aus der eigenen Landwirtschaft, Kräuter und Salate aus den eigenen Beeten, alte Obstsorten und die Pflege von Wiesen, Wald und alten Bäumen gehören ebenso dazu wie der bewusste Umgang mit den natürlichen Ressourcen.
Vom Pichlschloss aus kann man direkt losgehen. Wege führen durch den Wald und die Umgebung. Man kann Waldbaden, zur Kapelle spazieren, Wassertreten oder einfach ohne Ziel eine Runde drehen. Für eine Fotowoche ist das ein wunderbarer Luxus: Man muss nicht ständig irgendwohin fahren, um fotografieren zu können. Man geht vor die Tür - und schon beginnt die fotografische Suche.
Eine Landschaft, die zum genauen Hinsehen einlädt
Ausflüge in die Umgebung lohnen sich! Sie bieten viele unterschiedliche Motive. Landschaft, Architektur, alte Mauern, Wasser, Wälder, Spuren menschlicher Nutzung und kleine Details liegen oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Manche Orte sind bekannt, andere wirken zunächst unscheinbar. Aber genau das macht sie interessant.
Denn gute fotografische Motive müssen nicht immer spektakulär sein. Manchmal braucht es nur Zeit, einen zweiten Blick und die Bereitschaft, sich auf einen Ort einzulassen.
Unsere Lieblingsziele liegen ganz in der Nähe.
Furtnerteich
Nur wenige Autominuten vom Pichlschloss entfernt liegt der Furtnerteich. Der rund zwölf Hektar große Teich liegt auf etwa 880 Metern Seehöhe und ist Teil eines Natur- und Vogelschutzgebietes.
Ein Rundweg führt um den Teich. Je nach Jahreszeit und Wetter verändert sich die Landschaft immer wieder: Wasser, Spiegelungen, Schilf, Wald, Vögel und die Berge im Hintergrund bieten ganz unterschiedliche fotografische Möglichkeiten.
Für mich ist der Furtnerteich ein gutes Beispiel dafür, dass man einen Ort nicht nur einmal fotografieren kann. Das Licht, die Tage- oder Jahreszeit und vor allem der eigene Blick machen aus demselben Motiv immer wieder ein anderes Bild.
Steinschloss
Ganz in der Nähe vom Furtnerteich zweigt die Straße zum Steinschloss ab, der höchstgelegenen Burgruine der Steiermark. Die Anlage liegt auf rund 1.200 Metern und geht in ihren Ursprüngen bis ins Mittelalter zurück.
Schon die Lage ist beeindruckend. Noch spannender finde ich aber die vielen fotografischen Details: Mauern, Fensteröffnungen, Gewölbe, Steine, Strukturen und die Spuren der Zeit. Und natürlich den Blick über das Murtal.
Das Steinschloss gehört zu den Orten, zu denen wir bei unseren Fotowochen immer wieder zurückkehren - und trotzdem entstehen dort jedes Mal andere Bilder. Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Seiten des Fotografierens: Man kann einen Ort kennen und ihn dennoch immer wieder neu entdecken.
Mariahof
Auch hier lohnt sich der Blick auf die Details: die Architektur, die alten Mauern, Strukturen und die Verbindung von Kirche und Landschaft.
Schloss Lind
Dabei geht es auch um die dunkle Geschichte des Ortes: Im Schloss befand sich während des Nationalsozialismus ein Außenlager des KZ Mauthausen. Diese Geschichte wird heute bewusst mit Kunst und Erinnerung verbunden.
Gerade diese Verbindung macht Schloss Lind fotografisch interessant. Hier treffen alte Architektur, Verfall, Kunst, Natur und Geschichte aufeinander.
Friesach
Besonders spannend ist der Burgbau Friesach. Dort entsteht mit mittelalterlichen Handwerkstechniken eine Burg - und man kann den Handwerkerinnen und Handwerkern bei ihrer Arbeit zuschauen. Schmiede, Steinmetze, Zimmerleute, Maurer und Korbflechter arbeiten mit traditionellen Techniken.
Für Fotografen ist das natürlich ein Paradies: Menschen bei der Arbeit, Werkzeuge, Materialien, Strukturen und Bewegungen ergeben Motive, die weit über klassische Stadtfotografie hinausgehen.
Eisenhüttenwerk Heft
Schon die gewaltigen historischen Gebäude sind beeindruckend. Aber gerade die Details machen Heft für Fotografen interessant: rostendes Metall, alte Mauern, industrielle Strukturen und Spuren einer längst vergangenen Arbeitswelt.
Dazu kommt der spannende Kontrast zwischen der alten Bausubstanz und der modernen Architektur von Günther Domenig. Für die Kärntner Landesausstellung "Grubenhunt und Ofensau" von 1995 fügte der Architekt eine schwebend wirkende Konstruktion aus Glas und Stahl in die historischen Gebäude ein. Alt und neu, schwer und leicht, massiv und transparent treffen hier unmittelbar aufeinander. Da schlägt natürlich jedes Fotografenherz höher.
Eine kleine Kursgeschichte
Seit 2014 verbringen wir unsere Fotowoche im Pichlschloss.
Schon bald bildete sich eine Stammgruppe heraus. Manche Teilnehmer kommen seit vielen Jahren immer wieder. Andere waren zwei-, drei- oder fünfmal dabei und haben inzwischen ihre ganz eigene Geschichte mit diesem Ort.
Ein Jahr ohne Pichlschloss ist kein gutes Jahr.
Dieser wunderbare Satz stammt von Gabi Dilling, die vom ersten Kurs an dabei war. Er sagt eigentlich alles, oder?
Die Fotowoche ist längst mehr als ein Fotokurs. Sie verbindet kreatives Arbeiten, inspirierende Gespräche, gemeinsame Erlebnisse und viel Zeit zum Fotografieren. Ohne Hektik. Ohne einen festen Zeitplan, der uns von einem Motiv zum nächsten treibt. Stattdessen gibt es Raum für eigene Ideen und Raum, um sich fotografisch weiterzuentwickeln.
Von der Aufgabe zum eigenen Projekt
In den ersten Jahren stand jede Fotowoche unter einem bestimmten fotografischen Thema. Farbe. Licht. Schwarzweiß. Essay - um nur einige Beispiele zu nennen. Das Thema gab eine Richtung vor und während der Woche entstand ein kleines Fotoprojekt.
Mit den Jahren wurden die Stammteilnehmer immer erfahrener. Sie kannten den Ort, sie kannten meine Arbeitsweise und sie hatten längst ihre eigenen Projektideen für die Fotowoche. Irgendwann kam deshalb der Wunsch nach mehr Freiheit.
Heute gibt es bei der Fotowoche drei Möglichkeiten:
- ein eigenes fotografisches Projekt verfolgen,
- ein von mir vorgeschlagenes Thema umsetzen
- oder einfach einzelne Bilder fotografieren und sich dabei auf das konzentrieren, was einen gerade interessiert.
Das ist mir besonders wichtig. Denn Fotografie soll nicht nur bedeuten, eine vorgegebene Aufgabe möglichst gut zu erfüllen. Sie soll dazu anregen, eigene Fragen zu stellen, Dinge auszuprobieren und den eigenen fotografischen Blick weiterzuentwickeln.
Die ausführlichen Bildbesprechungen sind dabei ein wesentlicher Bestandteil der Woche. Wir schauen gemeinsam auf die entstandenen Bilder, diskutieren, was funktioniert und was vielleicht noch fehlt, sprechen über Bildaufbau, Wirkung, Bearbeitung und mögliche Weiterentwicklungen. Oft ist die Rückmeldung der Gruppe genauso wertvoll wie meine. Manchmal braucht es nur einen anderen Blick auf das eigene Bild, um plötzlich zu sehen, was darin steckt.
Aus dem Projekt "Natur wirkt" von Gabi Dilling
Fotos: © Gabi Dilling
Das große Finale
Am Ende der Fotowoche wird aus vielen einzelnen Bildern eine kleine fotografische Arbeit. Jeder Teilnehmer wählt mit Unterstützung der Gruppe und meiner Begleitung die besten zehn Bilder der Woche aus. Die Bilder werden ausgedruckt und zu einer persönlichen Mappe zusammengestellt.
Dann kommt der krönende Abschluss: Nach dem Abendessen treffen wir uns in der Bar zu unserer kleinen Vernissage. Die Stammgäste des Hauses wissen längst, dass sie an diesem Abend herzlich willkommen sind. Wir schauen uns die Mappen an, sprechen über die Bilder und lassen die Woche gemeinsam ausklingen.
Seit der ersten Fotowoche lässt es sich Kathrin Heindl nicht nehmen, jede einzelne Mappe genau anzusehen. Sie kennt viele der Motive und Orte seit ihrer Kindheit - und entdeckt doch in den Mappen ihre Heimat aus neuen Perspektiven. Ich glaube, auch das gehört zu dem besonderen Zauber dieser Abende.
Für mich ist das jedes Mal ein besonderer Moment. Denn am Anfang der Woche stehen viele einzelne Bilder und viele Ideen. Am Ende liegt vor jedem Teilnehmer eine kleine fotografische Geschichte.
Aus den Abschlussmappen
© Birgit Beinborn
© Jens Franke
© Birgit Beinborn
© Helga Daniel
© Hilde Polz
Was die Fotowoche im Pichlschloss so besonders macht
Vielleicht ist es die Mischung.
- Eine Woche Zeit für die Fotografie.
- Ein besonderer Ort.
- Eine kleine Gruppe.
- Viele unterschiedliche fotografische Interessen.
- Ausführliche Bildbesprechungen.
- Zeit für eigene Projekte.
- Ausflüge in eine abwechslungsreiche Umgebung.
Dazwischen immer wieder diese Momente, in denen man einfach fotografiert, ohne auf die Uhr schauen zu müssen.
- Man kann mit der Kamera losziehen und erst einmal schauen, was einem begegnet.
- Man kann sich mit anderen Teilnehmern austauschen oder ganz für sich fotografieren.
- Man kann ein Thema verfolgen, das man schon lange im Kopf hat - oder plötzlich etwas völlig anderes entdecken.
Dann trifft man sich wieder. Bei der Bildbesprechung, beim Essen oder später in der Bar. So entstand im Laufe der Jahre etwas, das man nicht planen kann: eine Gemeinschaft von Menschen, die die Freude an der Fotografie verbindet.
Impressionen aus dem Pichlschloss
Du möchtest sehen, was während unserer Fotowochen entsteht? In der Kursgalerie Fotowoche Pichlschloss findest du Bilder der Teilnehmer aus vergangenen Jahren. Vielleicht entdeckst du dort einen Ort, den du selbst gerne einmal mit der Kamera erkunden möchtest?
Ich freue mich ...
... auf die nächste gemeinsame Woche im Pichlschloss. Und auf viele neue Bilder von einem Ort, den wir eigentlich längst kennen - der uns aber trotzdem jedes Jahr wieder etwas Neues zeigt.
