Mehr Zeit für Fotografie - was verändert sich?
Die Teilnehmer meiner Kurse kennen den Ausdruck "Ui schön - klick!". Damit bezeichne ich Fotos, die wir auf die Schnelle aufnehmen: Wir sehen etwas, finden es schön, greifen zur Kamera und - klick!
Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. "Ui schön - klick!" kann Spaß machen. Und dieser Spaß gehört zur Fotografie. Keiner sollte ihn sich nehmen lassen - nicht einmal von sich selbst.
Kreativ fotografieren bedeutet allerdings etwas anderes. Hier geht es nicht nur darum, etwas Schönes zu entdecken und festzuhalten. Es geht darum, genauer hinzusehen und eine eigene Idee oder Bildaussage zu entwickeln.
Erst schauen, dann fotografieren
Ein Beispiel, das ich in meinen Kursen immer wieder erzähle:
Du gehst durch den Wald und entdeckst einen Baum, den du fotografieren möchtest. Deine erste Reaktion: Kamera raus und klick. Doch halt. Im Wald stehen unzählige Bäume. Warum möchtest du ausgerechnet diesen fotografieren?
Ist er besonders hoch, seine Wurzeln sind beeindruckend oder seine Borke ist knorrig? Oder fällt das Licht besonders schön durch seine Blätter? Vielleicht steht der Baum auch in einer spannenden Beziehung zu einem anderen: Er kämpft um Licht oder nimmt einem kleineren Baum das Licht.
Wenn du weißt, was dich an diesem Baum fasziniert, kannst du auch bewusster entscheiden, wie du ihn fotografierst.
- Die knorrige Borke kannst du als Detail zeigen.
- Die Höhe lässt sich vielleicht durch eine gestische Aufnahme betonen.
- Das Spiel mit Licht und Blättern verlangt wieder eine ganz andere Herangehensweise.
Du musst dafür keine Doktorarbeit schreiben. Oft reichen ein paar Sekunden, um dir klarzumachen: Was möchte ich eigentlich zeigen? Und schon fotografierst du anders.
Zeit verändert den Blick
Diese wenigen Sekunden können ein einzelnes Foto verändern. Noch viel spannender wird es, wenn wir einem Thema mehr Zeit geben. Was verändert sich, wenn wir nicht nur einen Nachmittag, sondern mehrere Wochen oder Monate fotografieren?
- Wir beginnen auszuprobieren.
- Wir betrachten unsere Bilder.
- Wir stellen fest, was funktioniert und was nicht.
- Wir probieren etwas anderes aus.
- Wir bekommen Feedback, verändern unsere Vorgehensweise und vertiefen unsere Idee.
Aus einem ersten Gedanken kann so Schritt für Schritt eine eigene fotografische Arbeit entstehen.
Ausprobieren → reflektieren → weiterarbeiten → Feedback bekommen → verändern → vertiefen
Zeit bedeutet dabei nicht, dass du ständig fotografieren musst. Sie gibt dir vielmehr die Möglichkeit, einen Gedanken nicht sofort wieder loszulassen.
Vom Foto zur fotografischen Arbeit
Ein einzelnes Foto kann spontan entstehen. Es kann eine schöne Erinnerung sein, ein glücklicher Zufall oder einfach ein Bild, das dir gefällt.
Wenn du dich aber länger mit einer Idee beschäftigst, verändert sich deine Arbeitsweise.
- Du stellst Fragen.
- Du probierst verschiedene Möglichkeiten aus.
- Du verwirfst Bilder.
- Du entwickelst neue Ideen.
- Du beginnst, Bilder miteinander in Beziehung zu setzen.
Irgendwann kann aus einer einzelnen Idee ein fotografisches Projekt entstehen. Dabei muss dieses Projekt keineswegs groß oder kompliziert sein. Es kann aus wenigen Bildern bestehen oder sich über viele Monate entwickeln.
Entscheidend ist nicht der Umfang. Entscheidend ist, dass du dich auf eine Idee einlässt und ihr Zeit gibst.
Zeit für die eigene Fotografie
Genau das ist es, was mir an der kreativen Fotografie so wichtig ist.
Wir müssen nicht ständig auf der Suche nach dem nächsten schönen Motiv sein. Wir dürfen bei einer Idee bleiben, sie verändern, hinterfragen und weiterentwickeln.
Vielleicht führt dich der erste Versuch in eine ganz andere Richtung als erwartet - und du entdeckst dabei etwas, das dir vorher gar nicht aufgefallen ist.
Daraus kann eine fotografische Arbeit entstehen, die mehr ist als eine Sammlung einzelner schöner Bilder.
Sie wird zu deiner eigenen Arbeit, weil du ihr deinen Blick, deine Entscheidungen und deine Zeit gegeben hast.
