Der kreative Prozess in der Fotografie

Du möchtest fotografieren - aber dir fehlt die zündende Idee? Zum hundertsten Mal durch die Straßen laufen und nach interessanten Motiven suchen? Oder zu Hause Gegenstände zusammensuchen, die sich irgendwie kreativ fotografieren lassen?

Vielleicht ist es genau umgekehrt: Du hast viele Ideen, aber keine greift so richtig. Oder du hast eine Idee, die so groß und unübersichtlich ist, dass du nicht weißt, wo du anfangen sollst.

Ich bin davon überzeugt: Die Lösung ist nicht, darauf zu warten, dass irgendwann die geniale Idee auftaucht. Kreativität ist nämlich nicht ausschließlich eine Frage der Inspiration. Sie lässt sich anregen - und sie lässt sich strukturieren.

Kreativität braucht Struktur

"Kreativität" und "Struktur" klingen zunächst wie Gegensätze. Kreativität verbinden wir mit Intuition, spontanen Einfällen und dem freien Spiel mit Ideen. Struktur dagegen klingt nach Regeln, Planung und Einschränkung. Doch genau diese Verbindung ist spannend.

Der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin hat es so formuliert:

"Die Voraussetzung für die Kreativität ist es, sich der Intuition zu überlassen, allerdings im Rahmen der Disziplin bestimmter Formen und Strukturen."

Auch für die Fotografie kann eine solche Struktur hilfreich sein. Sie nimmt der Kreativität nicht ihre Freiheit. Im Gegenteil: Sie kann dabei helfen, die vielen Gedanken und Möglichkeiten zu ordnen und aus einer ersten Idee tatsächlich ein Bild oder ein fotografisches Projekt zu entwickeln.

Mein Modell für die Fotografie

Für den kreativen Prozess gibt es zahlreiche Modelle. Sie unterscheiden sich in ihrer Struktur und in der Anzahl der Phasen, haben aber eines gemeinsam: Sie geben dem kreativen Arbeiten einen Rahmen.

Die vorhandenen Modelle waren für meine fotografische Arbeitsweise nicht ganz passend, deshalb habe ich den kreativen Prozess auf die Bedürfnisse der Fotografie zugeschnitten und daraus mein eigenes Modell entwickelt.

Mein Modell besteht aus fünf Phasen:

Vorbereiten - Sammeln - Ruhen lassen - Bewerten - Umsetzen

Es hilft mir dabei, aus einer ersten, vielleicht noch sehr vagen Idee Schritt für Schritt ein konkretes fotografisches Vorhaben zu entwickeln. Dabei kann es ebenso um ein einzelnes Bild wie um ein umfangreicheres fotografisches Projekt gehen.

Der kreative Prozess beginnt nicht mit der Kamera

Bevor ich eine Kamera in die Hand nehme, kann eine andere Frage sinnvoll sein: Wo stehe ich eigentlich mit meiner Fotografie - und wo möchte ich hin?

Ich vergleiche das gerne mit einer Reise. Wenn du eine Reise planst, weißt du zumindest ungefähr, wo du startest und welches Ziel du erreichen möchtest. Du kennst vielleicht noch nicht die genaue Route und einzelne Zwischenstopps, aber eine grobe Richtung hast du bereits im Kopf.

Genauso kann es bei einem fotografischen Vorhaben sein. Zunächst weißt du nur, dass du gerne ein fotografisches Projekt erstellen möchtest. Das ist noch sehr offen. Bei weiteren Überlegungen wird dir klar, dass du ein Projekt über deinen Wohnort machen willst. Falls du in einer großen Stadt wohnst, könnte es nur mit dieser Vorgabe zu umfangreich werden. Also schränkst du es ein, z. B. auf die kulturellen Möglichkeiten an deinem Wohnort. Die Idee wird konkreter. Und damit wird auch klarer, wonach du eigentlich suchst.

Mein kreativer Prozess

Vorbereiten - Sammeln - Ruhen lassen - Bewerten - Umsetzen

Vorbereiten: Eine Richtung finden

Am Anfang steht eine grobe Zielbestimmung.

  • Was möchte ich fotografieren?
  • Was interessiert mich?
  • Was steht bereits fest?

Dabei muss das Ziel noch keineswegs endgültig feststehen. Es darf sich verändern. Wichtig ist zunächst einmal, eine Richtung zu haben.

Sammeln: Erst einmal alles zulassen

Sammle Ideen - schreibe auf, was dir zu deinem Thema einfällt - Recherchiere - schau dir andere Arbeiten an - lies - sprich mit anderen Menschen - suche nach Begriffen, Bildern und Zusammenhängen.

Vor allem: Bewerte deine Ideen zunächst nicht. Das fällt oft schwer. Kaum ist uns ein Gedanke gekommen, fragen wir schon:

  • Ist das überhaupt gut?
  • Kann ich das fotografieren?
  • Wie könnte ich das fotografieren?
  • Ist das nicht viel zu banal?
  • Was sollen andere davon halten?

Die Antworten auf diese Fragen kommen später. Beim Sammeln geht es zunächst darum, möglichst viele Möglichkeiten entstehen zu lassen.

Eine Methode dafür ist das klassische Brainstorming. Es funktioniert übrigens nicht nur in einer Gruppe. Auch alleine kannst du dir ein Ziel oder eine Frage stellen und anschließend alles notieren, was dir dazu einfällt. Ich nehme dazu kleine Zettel und schreibe auf jeden Zettel nur eine einzige Idee. So kann ich meine Gedanken später leichter sortieren, verschieben und miteinander verbinden.

Ruhen lassen: Nicht weiterdenken

Dieser Schritt wird gerne unterschätzt. Nachdem du Ideen gesammelt hast, beschäftige dich mit etwas anderem. Mach eine Pause und lass deine Aufgabe ruhen. Auch wenn du nicht bewusst darüber nachdenkst, wird das Problem im Hintergrund weiterarbeiten.

Vielleicht fällt dir beim Kochen oder auf dem Weg zur Arbeit etwas ein. Schreib alle Gedanken dazu unbedingt sofort auf - und lass die Aufgabe anschließend wieder liegen. Manchmal braucht eine Idee einfach Zeit.

Bewerten: Welche Idee ist tragfähig?

Erst jetzt wird ausgewählt.

  • Welche deiner Ideen ist wirklich interessant?
  • Welche lässt sich umsetzen?
  • Welche ist vielleicht viel zu groß - oder zu klein?

Bei fotografischen Projekten ist es wichtig, ein Thema einzugrenzen. "Berge" ist beispielsweise ein Thema, mit dem man vermutlich sehr lange fotografieren könnte. Aber was genau interessiert dich an den Bergen?

  • Eine bestimmte Region?
  • Ein bestimmter Berg?
  • Ein Gebirgsdorf?
  • Das Verhältnis von Bergen und flachem Land?
  • Das Leben in den Bergen?
  • Die Tier- oder Pflanzenwelt?

Aus einem großen Thema wird eine fotografische Aufgabe - und ein interessantes Projekt. Aus einer zunächst vagen Idee wird etwas, mit dem du arbeiten kannst.

Bei der Auswahl einer Idee geht es nicht nur darum, ob sie machbar ist. Frage dich auch:

  • Interessiert mich das Thema?
  • Würde mir die Umsetzung Spaß machen?
  • Würde ich mit Freude daran arbeiten - auch über einen längeren Zeitraum?

Denn ein fotografisches Projekt kann nur dann wirklich tragen, wenn du selbst ein echtes Interesse daran hast. Du musst nicht die vermeintlich "beste" Idee finden - du musst die Idee finden, an der du arbeiten möchtest.

Erstelle aus deinen Ergebnissen ein kleines Konzept. Schreibe es in dein fotografisches Noizbuch., so hast du es immer griffbereit.

Umsetzen: Aus der Idee wird ein Bild

Fotografische Möglichkeiten

Die ausgewählte Idee wird konkreter. Du überlegst, welche fotografischen Möglichkeiten zu deinem Vorhaben passen - und erweiterst dein Konzept.

  • Welche Perspektive könnte sinnvoll sein?
  • Welche Brennweite?
  • Farbe oder Schwarzweiß?
  • Welche Art von Licht?
  • Schärfe oder Unschärfe?
  • Bewegung?
  • Welches Bildformat?
  • Welche formalen Gemeinsamkeiten könnten mehrere Bilder miteinander verbinden?

Je nach Umfang des Projekts kann daraus ein kurzer Gedankenzettel oder ein ausführliches Konzept werden. Bei einem umfangreichen Projekt kann es sinnvoll sein, die groben Gedanken zunächst zu ordnen und anschließend immer weiter ins Detail zu gehen.

Schnapp dir deine Kamera

Nun geht es los: Mache die ersten Testfotos. Probiere aus, was funktioniert - und was nicht.

Analysiere deine Bilder

Schau dir deine Bilder anschließend mit etwas Abstand an und analysiere sie. Setzen sie um, was du dir vorgestellt hast?

  • Passt die gewählte Perspektive zu deiner Idee?
  • Unterstützen Licht, Farbe, Schärfe, Bewegung oder andere Gestaltungsmittel deine Aussage?
  • Oder musst du deine Idee beziehungsweise deine fotografische Herangehensweise noch einmal verändern?

Zu welchem Ergebnis du auch immer kommst: Ein Konzept ist keine unveränderliche Vorschrift. Passe dein Konzept an, falls

  • du beim Fotografieren gemerkt hast, dass etwas nicht funktioniert,
  • du eine Möglichkeit entdeckt hast, an die du vorher überhaupt nicht gedacht hast,
  • sich deine Bilder in eine andere Richtung entwickelt haben als erwartet.

Du darfst dein Konzept jederzeit verändern und anpassen. Halte alles schriftlich fest - damit du dich irgendwann einmal nicht wunderst, warum dein Projekt so gar nicht zu deinem Konzept passen will.

Fotografiere schließlich die restlichen Bilder, wähle die für das Projekt passenden aus, bearbeite sie und überlege, wie du deine fertige Arbeit präsentieren möchtest.

Von der Idee zum Bild - und vielleicht noch weiter

Der kreative Prozess lässt sich ganz unterschiedlich einsetzen: für ein einzelnes Foto, eine kleine Bildgruppe oder ein umfangreiches fotografisches Projekt. Bei Einzelbildern oder kleinen Bildzusammenstellungen reichen oft wenige Sätze als Konzept, bei einem größeren Projekt sollte es ausführlicher sein.

Der kreative Prozess gibt deinen Ideen, Bildern und Projekten einen Rahmen, ohne dir vorzuschreiben, wohin sie dich führen. Genau das macht ihn so spannend.

Der kreative Prozess in der Fotografie

Über mich, Helga Partikel

Ich bin Fotografin aus Leidenschaft und habe mich ganz der kreativen Fotografie und der Fotokunst verschrieben. Gerne gebe ich meine Begeisterung und mein Wissen in Fotokursen und auf Fotoreisen weiter. Lass dich von mir anstecken!

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Das sagen Teilnehmer zu meinen Kursen

Helgas ... Rückmeldungen ... schärfen den Blick

Ich habe den Onlinekurs "foto.gruppen" mit Freude und inspiriert von Helgas Erläuterungen und Aufgaben bearbeitet. Helgas direkte, prägnante Rückmeldungen sind anregend und schärfen den Blick auf die eigenen Fotos und für Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Der Onlinekurs wird dadurch super ergänzt.

Isabell

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