Kreative Fotografie - was bedeutet das eigentlich?
Seit vielen Jahren biete ich die "Meisterklasse kreative Fotografie" an. Ursprünglich sollte sie "Meisterklasse künstlerische Fotografie" heißen. Der Name schien passend: Es sollte darum gehen, die eigene Bildsprache zu entwickeln, fotografische Projekte zu gestalten und sich intensiv mit den eigenen Bildern auseinanderzusetzen.
Doch dann kam die Ernüchterung: Es meldete sich niemand an. Also habe ich nachgefragt und eine Umfrage unter Interessierten gemacht. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Viele fanden den Begriff "künstlerische Fotografie" zu hoch gegriffen. Sie fühlten sich nicht gut genug, um sich als Künstlerinnen oder Künstler zu bezeichnen.
Was sie eigentlich wollten, war viel einfacher: Sie wollten kreativer fotografieren. Genau deshalb heißt der Jahreskurs heute Meisterklasse kreative Fotografie.
Mir gefällt diese Geschichte, weil sie etwas Wichtiges deutlich macht: Kreative Fotografie setzt nicht voraus, dass du dich als Künstlerin oder Künstler verstehst. Du brauchst keine künstlerische Ausbildung und musst auch nicht schon wissen, wie deine persönliche Bildsprache aussieht. Du musst nur neugierig sein und Lust darauf haben, deine Fotografie weiterzuentwickeln.
Was bedeutet "kreativer fotografieren" eigentlich?
Kreativ zu fotografieren bedeutet für mich nicht, möglichst viele ungewöhnliche Techniken einzusetzen oder möglichst spektakuläre Bilder zu produzieren. Es beginnt viel früher.
Kreative Fotografie beginnt mit einer Idee, einer Frage oder einem persönlichen Interesse.
- Beschäftigt dich ein bestimmtes Thema?
- Fasziniert dich eine Farbe, eine Form oder Bewegung?
- Möchtest du eine bestimmte Stimmung sichtbar machen?
- Willst du ein Motiv einmal ganz anders fotografieren, als du es normalerweise tun würdest?
Eine Idee ist der Ausgangspunkt - sie muss noch lange nicht ausgereift sein.
Am Anfang steht eine Idee
Bevor du fotografierst, kannst du dir Fragen stellen:
- Was interessiert dich an diesem Motiv?
- Was willst du zeigen?
- Welche Stimmung möchtest du vermitteln?
- Was soll der Betrachter in deinem Bild entdecken?
Die wohl wichtigste Frage: Warum willst du dieses Bild überhaupt machen?
Manchmal ist die Antwort ganz konkret. Du möchtest einen besonderen Ort zeigen, einen Menschen porträtieren oder einen bestimmten Moment festhalten. Aber manchmal ist alles noch unklar. Du weißt noch gar nicht, wie das fertige Bild aussehen soll. Du hast nur eine Idee, der du beim Fotografieren nachgehen möchtest. Bleib dran, denn das kann spannend sein! Eine kreative Idee muss nicht von Anfang an zu einem fertigen Bild führen. Sie darf sich während des Fotografierens verändern.
Kreativität zeigt sich in den Entscheidungen
Auch beim Fotografieren selbst treffen wir ständig Entscheidungen.
- Wie wählst du den Ausschnitt?
- Aus welcher Perspektive fotografierst du?
- Was nimmst du in das Bild auf - und was läßt du weg?
- Wie gehst du mit Licht und Schatten um?
- Welche Brennweite unterstützt deine Idee?
- Arbeitest du mit Schärfe oder Unschärfe?
- Wie verändert eine andere Belichtungszeit das Bild?
- Welche fotografische Technik unterstützt deine Idee?
Kreative Fotografie bedeutet nicht, möglichst viele Effekte einzusetzen. Eine ungewöhnliche Technik macht ein Bild nicht automatisch kreativ. Entscheidend ist, warum du sie einsetzt und ob sie zu deiner Idee passt.
Manchmal darf man Regeln verlassen
Fotografische Regeln sind hilfreich. Sie geben Orientierung und helfen uns, bewusst zu gestalten. Aber manchmal ist es genauso spannend, eine Regel bewusst zu verlassen.
- Eine Bewegung kann dann gewollt sein.
- Eine lange Belichtungszeit kann eine ganz bestimmte Wirkung erzeugen.
- Eine Spiegelung kann die Wirklichkeit verändern.
- Eine ungewöhnliche Perspektive kann ein vertrautes Motiv plötzlich fremd erscheinen lassen.
- Eine starke Reduktion kann den Blick auf das Wesentliche lenken.
Dabei geht es nicht darum, ständig etwas Neues oder Spektakuläres zu produzieren. Auch ein ganz schlichtes Foto kann kreativ sein - wenn die Gestaltung bewusst gewählt ist und das Bild eine eigene Idee oder Sichtweise vermittelt.
Kreativität endet nicht mit dem Auslösen
Ist das Foto gemacht, ist der kreative Prozess noch lange nicht abgeschlossen.
- Welche Aufnahme wählst du aus?
- Welche Bilder gehören zusammen?
- Wie bearbeitest du das Bild?
- Wie möchtest du das fertige Bild präsentieren?
Von zehn ähnlichen Aufnahmen kann vielleicht eine einzige genau das zeigen, was du ausdrücken möchtest. Aus mehreren einzelnen Bildern kann etwas Neues entstehen: eine Serie, ein Essay oder ein anderes fotografisches Projekt.
Für mich ist kreative Fotografie mehr ist als das einzelne Foto.
Vom Bild zum Projekt
Manchmal bleibt eine Idee nicht bei einem einzelnen Bild.
- Vielleicht möchtest du ein Thema über einen längeren Zeitraum verfolgen.
- Vielleicht merkst du, dass du zu einem Motiv immer wieder zurückkehrst.
- Vielleicht entstehen immer mehr Bilder, die miteinander zu tun haben.
Dann kann daraus ein fotografisches Projekt entstehen. Ein Projekt gibt dir die Möglichkeit, eine Idee ausführlicher zu untersuchen, unterschiedliche fotografische Möglichkeiten auszuprobieren und deine Gedanken über mehrere Bilder hinweg zu entwickeln.
Kreative Fotografie ist ein Prozess
Die für mich wichtigste Erkenntnis: Kreative Fotografie ist keine bestimmte Technik. Sie ist eine Art, sich mit Fotografie auseinanderzusetzen.
Dazu passt auch mein Lieblingszitat. Der ungarische Fotograf André Kertész (1894-1989) brachte es auf den Punkt:
„Ich dokumentiere nie, ich interpretiere immer mit meinen Bildern.
Ich interpretiere, was ich in einem bestimmten Augenblick empfinde,
nicht was ich sehe, sondern was ich empfinde.“
Die kreative Fotografie beginnt mit einer Idee oder einer Frage - und setzt sich fort mit bewussten Entscheidungen beim Fotografieren. Sie lässt Raum für Experimente und Umwege.
Es gibt kein allgemeingültiges Rezept für kreative Fotografie. Was für den einen funktioniert, muss für andere nicht passen. Genau deshalb finde ich es so spannend, die eigene fotografische Handschrift zu suchen.
Du musst nicht "künstlerisch" fotografieren
Das dürfte die wichtigste Botschaft hinter dem Namen der Meisterklasse sein.
Du musst nicht
- Künstlerin oder Künstler sein,
- außergewöhnliche Bilder produzieren,
- jede fotografische Technik beherrschen oder
- wissen, wie deine eigene Bildsprache aussieht.
Du darfst einfach neugierig sein
- auf neue Möglichkeiten,
- auf deine eigenen Ideen,
- darauf, was passiert, wenn du einmal anders fotografierst und
- darauf, wohin sich deine Fotografie entwickeln kann.
Kreativität kann man entwickeln
Natürlich kann man nicht lernen, "kreativ" zu sein wie eine bestimmte fotografische Technik.
Aber man kann
- lernen genauer hinzusehen,
- lernen Ideen zu entwickeln und weiterzuverfolgen,
- sich von festgefahrenen Vorstellungen über ein "gutes Foto" lösen,
- fotografische Möglichkeiten ausprobieren und herausfinden, welche zur eigenen Arbeitsweise passen.
- lernen die eigenen Bilder mit etwas Abstand zu betrachten.
All das hilft dabei, die eigene fotografische Handschrift zu entwickeln. Was daraus entsteht, ist bei jedem Menschen anders.
Es geht nie darum, so zu fotografieren wie jemand anderes. Es geht darum, herauszufinden, wie du selbst fotografieren möchtest.
Kreative Fotografie in der Meisterklasse
In der Meisterklasse kreative Fotografie geht es genau um diesen Prozess. Zwölf Monate lang hast du Zeit, dich intensiv mit deiner Fotografie auseinanderzusetzen, neue Ideen zu entwickeln, fotografische Möglichkeiten auszuprobieren und eigene Projekte zu gestalten.
Wenn du kreativer fotografieren und deine eigene fotografische Sprache weiterentwickeln möchtest, könnte die Meisterklasse genau der richtige Rahmen für dich sein.
Mehr über die Meisterklasse kreative Fotografie
Einige Bilder aus der Meisterklasse
Unterschiedliche Themen, unterschiedliche fotografische Ansätze - und doch jeweils das Ergebnis einer persönlichen Idee.
