Eins reicht, dpunkt-Verlag, foto.kunst.kultur

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Eins reicht

Eins reicht

Schon der Titel diese Buchs von Sebastian H. Schroeder aus dem Haus dpunkt, spricht mir aus der Seele. Ich finde, es wird viel zu viel geknipst - und zu wenig fotografiert. Wer soll sich die Millionen Fotos anschauen, die tagtäglich aufgenommen werden?

Für die Bildbesprechungen in meinen Kursen müssen die Teilnehmer vorab auswählen, welche Fotos sie zur Besprechung einreichen. Ich höre immer wieder, dass diese Auswahl sehr schwer fällt. Zumal oft von ein und demselben Motiv mehrere Fotos gemacht wurden.

  • Welches der Bilder ist das beste?
  • Wie finde ich das heraus?
  • Was ist überhaupt ein gutes Foto?

Die Entscheidung fällt oft nicht leicht, da sich viele Aufnahmen nur in Nuancen unterscheiden. Dennoch: Die Wahl muss getroffen werden. Gut, dass es Bücher gibt, die dabei unterstützen. Eines davon ist das Buch „Eins reicht“.

Über das Buch „Eins reicht“

Die Namen der drei Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist, machen neugierig:

  1. Aufbruch
  2. Neue Welt
  3. Rückkehr

Es gefällt mir, dass bereits im Inhaltsverzeichnis eine kurze Beschreibung des Abschnitts steht.

Aufbruch
„Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit dem theoretischen Unterbau für Bildauswahlen“ - so das steht es im Inhaltsverzeichnis beim ersten Abschnitt.

Wir erfahren, wie Bilder kommunizieren und auf welchen Ebenen Kommunikation mit Bildern überhaupt möglich ist.

„Wir sind verantwortlich für das, was wir sagen, nicht für das, was andere verstehen. Deswegen müssen wir Fotografen versuchen, vorab in unsere Bilder hineinzuhören. Denn ob wir verstanden werden oder nicht, liegt trotz allem auch in unserer Hand.“

Nur der Fotograf war am Ort des Geschehens, als er das Bild aufgenommen hat, der Betrachter hat keine Ahnung davon, was wirklich geschehen ist. Und wer weiß nicht, was der Fotograf empfunden hat, als er das Bild aufgenommen hat. Deshalb wird der Fotograf sein Bild anders sehen, als ein Betrachter, der nicht dabei war.

  • Wir werden dazu aufgefordert, die Perspektive zu wechseln.
  • Welche Informationen stehen dem Betrachter zur Verfügung?
  • Wie könnte er das Bild interpretieren?

Als Beispiel führt Schroeder u. a. mehrdeutige oder uneindeutige Bilder an und zeigt das berühmte Gemälde „All is Vanitas“ von Charles Allen Gilbert. Das Bild aus dem Jahr 1892 ist eine visuelle Täuschung. Was siehst du als erstes in dem Bild?

eins reicht, Vanitas, foto.kunst.kultur

Im letzten Teil des ersten Abschnitts geht Schroeder auf die verschiedenen Ebenen eines Fotos ein.

  • Die inhaltliche Ebene bezeichnet all das, was ein Betrachter im Bild sehen oder lesen kann.
  • Die formale Ebene bezeichnet die Kombination der Bildelemente, also der Linien, Flächen, Punkte, der Farbe, dem Kontrast etc.

Ein gutes Bild berücksichtigt beide Ebenen.

„Die Form ist ein Mittel, um den gewünschten Inhalt möglichst effektiv zu vermitteln.“

Zum Abschluss des ersten Abschnitts folgt ein Rat für die Praxis:

„Um eine gute Bildauswahl treffen zu können, müssen wir hinter die Form schauen, auf den Inhalt. Erst wenn zwei Bilder exakt den gleichen Inhalt transportieren, trägt die Form zur Entscheidungsfindung bei …“

Neue Welt

„In diesem Abschnitt brechen wir auf in die praktische Welt der Bildauswahl.“

Der Abschnitt beginnt mit der goldenen Regel der Bildauswahl:

„Das beste Bild ist eines, das ausdrückt, was wir sagen möchten. Doch wie kommen wir dorthin? Wenn wir uns bewusst machen, wonach wir suchen, ist es einfach, das ‚richtige Bild als das ‚beste‘ zu identifizieren.“

Der entscheidende Ausdruck in diesem Satz ist für mich „bewusst machen“. Ich habe den Verdacht, dass die meisten nur fotografieren, was ihnen gerade vor die Linse fällt und als „schön“ eingestuft wird. Das ist Knipsen (was manchmal richtig Spaß machen kann). Fotografieren geht anders. Fotografieren ist ein bewusster Prozess.

Wer sich vor der eigentlichen Aufnahme darüber klar ist, was er mit dem Bild sagen möchte, hat bereits einen wichtigen Schritt zu einem guten Foto getan. Die Wahl des besten Fotos ist dann relativ einfach, muss man sich doch „nur“ die Frage stellen, ob das Bild zeigt, was man im Moment der Aufnahme beabsichtigt hatte.

Der Autor legt uns zur Auswahl der Fotos die „Laswell-Formel“ ans Herz. Harold Dwight Lasswell formulierte damit ein grundlegendes Model für die Kommunikation. Sie fragt fünf Punkte ab:

WER - SAGT WAS - IN WELCHEM KANAL - ZU WEM - MIT WELCHER WIRKUNG

Nimm dir als Übung ein Foto und prüfe es nach der Laswell-Formel.

  • Wer ist am einfachsten:
    Das bist du, also derjenige, der das Foto aufgenommen hat. 
  • In welchem Kanal:
    Wo zeigst du das Bild? In einem Fotobuch, einer Ausstellung oder im Internet?
  • Wem zeigst du das Bild?
    Der Familie, Freunden oder zeigst du es öffentlich?
  • Mit welchem Effekt?
    Soll das Foto an etwas erinnern, willst du damit Kunden gewinnen oder Freunde beeindrucken? Sei ehrlich!

Das klingt aufwändig und vielleicht erst einmal banal. Die Mühe lohnt sich aber und die wirst sehen, so einfach ist die Beantwortung der Fragen gar nicht. Denn die Antworten hängen voneinander am: Wenn du eine Antwort änderst, musst du die anderen anpassen.

Dazu der Autor:

„Nutze die Lasswell-Formel“ Sie ist immer wieder ein guter Ratgeber. Ohne diese Fragen zu beantworten, werden wir nur schwer zu einer erfolgreichen Auswahl kommen, denn unser Konzept bleibt ein vages Gedankenspiel.“ 

Einer der für mich wichtigsten Kapitel im Buch erklärt die Begriffe „Abbild“ und „Prozessbild“ und gibt Tipps zu deren Verwendung.

  • Abbilder sind Fotos, die zeigen, wie etwas aussieht. Sie sind eine sachliche Darstellung. Als Beispiel zeigt er das Bild einer Sonnenblume.
  • Prozessbilder zeigen, wie etwas passiert. Sie erzählen eine Geschichte, stellen eine Handlung dar.

Als erklärter Fan von Fotogruppen finde ich es sehr spannend, wie Abbilder und Prozessbilder zusammenwirken.

„Viele Prozessbilder hintereinander führen zu einem hastigen Rhythmus in der Betrachtung. Ein ruhiges Abbild kann dieses Rhythmus unterbrechen. Das Tempo einer Bildserie kann also gezielt von Prozess- und Abbildern gesteuert werden.“

Wow! Hast du dir darüber beim Zusammenstellen von Bildgruppen schon einmal Gedanken gemacht?

Dieses Wissen ist die Basis für gute Fotogeschichten. Mehr dazu erfährt man im letzten Kapitel des zweiten Abschnitts. Was ist eine gute Fotogeschichte? Wie verläuft die Dramaturgie einer Fotogeschichte? Wir lesen über Charaktere, Sprache, Handlung und Bedeutung.

Rückkehr

„Wir sprechen über Hängungen, Papier, digitale Räume und zum Abschluss über Workflow-Vorschläge.“

Was nützen die besten Fotos, wenn sie nur auf den Speichermedien vor sich hin dümpeln? Zeigt her eure Fotos!

Der letzte Abschnitt enthält viele Tipps für die Ausgabe der Fotos als Prints und das Präsentieren der Bilder in Ausstellungen. Ich empfehle dir, diese Seiten nicht zu überspringen - auch wenn du nicht selbst druckst oder deine Bilder öffentlich zeigst. Die Präsentation der Fotos gehört zum Fotografieren ganz einfach dazu.

Was du auf jeden Fall tun kannst: Zeige deine Fotos als Diashow oder in einem Fotobuch. Hole dir dazu viele Tipps in dem Buch „Eins reicht.“

Vorschläge zum Workflow des Sichtens und ein Epilog über den Stil runden das Kapitel und das Buch ab.

Mein Resümee zu "Eins reicht"

Um es kurz zu machen: Für mich ist „Eins reicht“ eines der besten Fotobücher, die ich zu diesem Thema kenne.

Es ist keine leichte Kost. Und es ist schon gleich nicht damit getan, das Buch kurz durchzulesen. Man muss die Ratschläge befolgen, um Gewinn aus dem Buch zu ziehen. Das fällt nicht immer leicht, denn die Umsetzung ist teilweise aufwändig.

Werde ich in Zukunft bei jedem Foto die oben erwähnte Laswell-Formel anwenden? Sicher nicht. Wenn ich mir aber unschlüssig bin, welches Bild ich für ein Projekt einsetzen soll, werde ich sie anwenden. Ich hab’s probiert. Es lohnt sich!

Ich nehme dieses Buch auch immer wieder gerne in die Hand, um mir die zahlreichen Bilder darin anzusehen. Sie sind nicht alle vom Autor. Wir begegnen großen Fotokünstlern wie z. B. Bernd und Hilla Becher oder August Sander. Die meisten Fotos aber sind von Sebastian H. Schroeder selbst. Er zeigt damit eindrucksvoll, dass er nicht nur schreiben sondern auch fotografieren kann.

„Eins reicht“ ist sicher kein Buch für Hobbyfotografen, die mit ihren Fotos Erinnerungen festhalten wollen oder die hauptsächlich der Technik willen fotografieren. Wer sich aber intensiv mit der kreativen Fotografie beschäftigt, wer in Projekten arbeitet, Fotobücher erstellt oder seine besten Fotos in Ausstellungen zeigt, der wird mit Sicherheit Gewinn ziehen (sofern er die Ratschläge auch anwendet).

Eins reicht

Fotos gezielt auswählen und präsentieren

Sebastian H. Schroeder
dpunkt.verlag
ISBN: 978-3-86490-682-4

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